Review

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Fjørt – belle époque

Das Trio aus Aachen rund um Chris Hell (Gesang/Gitarre), David Frings (Gesang/Bass) und Frank Schophaus (Drums) die zusammen Fjørt bilden, veröffentlicht am 20.02. ihr heiß ersehntes 5. Album belle époque (via Grand Hotel van Cleef) und die vorabveröffentlichten Singles versprachen schon pure Tristesse und die harte Realität.

Was für eine intensive Reise der Nachfolger von nichts ist, könnt ihr nun hier heraus finden:

Tracklist:
01. messer
02. hertz
03. ’43
04. kalie
05. mir

06. ær
07. rott
08. danse
09. 2230
10. yin
11. nacht

Ich sollte Licht spenden, doch ich brauche es selbst

Schon der Opener macht unmissverständlich klar: wir sind in der Pechschwarz-Ära angekommen. „messer“ wurde bereits als Single präsentiert und bereitet die düstere Reise vor, die einem bevorsteht.
Wenn das Piano am Ende des Tracks ertönt und nahtlos zu „hertz“ übergeht, stellt das vor Gänsehaut alle Haare auf.

Lieblingszeitvertreib alles kurz und klein, Entertainment braucht eine Prise Leid

Fjørt waren immer ein Garant dafür wie schön ungeschönt die Realität vor Augen gehalten wird und gerade das macht „belle époque“ so besonders: das bewusste auseinandersetzen aller düsteren Taten und Denkansätze, zu denen wir als Mensch fähig sein können und sind.
„hertz“ und die erste Single „’43 nehmen euch mit in jenes Jahr und erschreckend auch ein stückweit ins Jetzt. Die Formation setzt hier auch ein klares Statement: nie wieder, jetzt und die letzten Zeilen „wir leben in Hakenkreuzzeiten, la résistance, Zeit euch zu zeigen“ leider mehr relevant denn je sind.

Glashaus, ich hol nochmal zum Schlag aus

Musikalisch balanciert die Band wieder vorbildlich zwischen Post-Hardcore und Post-Rock hin und her. Durch den Gesangswechsel von Chris und David in Kombination mit den von direkten, Melancholie und Traurigkeit getränkten Texten und dem instrumentalen Rücken wird eine rohe Energie transportiert, die einen Sog erzeugt, der seinesgleichen sucht.

Dafür sind „kalie“, „mir“ und ær Parade-Beispiele, ach was: die gesamte Platte ist ein glänzendes Beispiel von Songwriting der Oberklasse.

Wenn man nur das nötige Kleingeld hätte, könnte man sich irgendwas köstliches aus Dubai in die Kauleiste schieben, lindert den fomo-schmerz, sagen circa 70 Leute in meinem Telefon

In meinen Kritiken gehe ich meistens Song für Song durch, doch das würde dem Album nicht gerecht werden, denn hier ist wirklich jedes einzelne Stück wichtig und lebt vom aufmerksamen zu- und hinhören. Es ist einfach nur bemerkenswert, wie gut das Trio es schafft Weltschmerz und die damit einhergende Handlungsunfähigkeit textlich und musikalisch so zu kanalisieren, das sich ein Bild abzeichnet, mit dem sich wirklich alle identifizieren können.

„2230“ ist ein herrlich ironischer Seitenhieb, wie gerne wir doch über andere reden. Aus einer Mücke einen Elefanten machen und uns über andere stellen, ohne jemals etwas zu hinterfragen oder gar uns selbst reflektieren und wie schnell dann eine Meinung geformt werden kann, welche unsere Münder auf direktem Wege verlassen.

So düster wie die aktuelle Lage ist auch das Album, so viel sei gesagt. Das hier ist keine einfache Platte, wenn man sich mit den Klanglandschaften auseinandersetzt und sich wie in „yin“ zerlegen lässt. Doch wenn man all diese Gefühlswelten zulässt, wird man mit einem wahnsinnig dichten Werk belohnt.

Fazit:

Diese Kritik ist weniger kritisierend, jedoch mehr Lobeshymne für ein Stück Kunst, das gehört, gefühlt und gefeiert werden muss. Für den Mut, sich so direkt und ehrlich auszusprechen wie Fjørt es tun.

Davor ziehe ich meinen Hut und habe unendlichen Respekt für das, was hier an Spuren zusammen gekommen ist, welche durch die Ohrkanäle fahren. Ich möchte nicht unbedingt eine Punktzahl vergeben, das würde diesem Meilenstein in ihrer Diskographie nicht gerecht werden, doch für alle die es interessiert: 10/10

Als Abschluss noch die Beschreibung von belle époque“, welche passender nicht sein könnte und eine Empfehlung von Herzen als jemand, der die Band schon live gesehen hat, unbedingt die Tour Dates zu checken, welche nachfolgend ebenfalls zu sehen sind:

„Die „schöne Epoche“ nennen wir ein halbes Jahrhundert, in dem alles möglich schien. Die westliche Welt blickte hoffnungsvoll in eine Zukunft, die gesellschaftlichen und kulturellen Aufschwung versprach. Eine Zeit des Neudenkens, in der man es gemeinsam besser machen wollte als zuvor. Doch offensichtlich war der Mensch auch damals bereits in der Lage, sich bestens selbst zu sabotieren, denn die Epoche, die in unserer Geschichte darauffolgt, ist alles andere als „schön“.

Info
19. Februar 2026 
17:04 Uhr
Band
Fjørt
Genre
Post-Hardcore Post-Rock
Autor/en

 Jan

Fotocredit/s
Holger Kochs
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