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Interview mit SHORELINE – „Nach dem Tiefpunkt kommt sicher ein Moment danach“

Mit Is This The Low Point Or The Moment After? legen SHORELINE ihr bislang geschlossenstes und zugleich hoffnungsvollstes Album vor. Statt rückblickender Bestandsaufnahme steht diesmal ein klarer dramaturgischer Bogen im Fokus: vom melancholischen Tiefpunkt bis hin zu einem vorsichtigen Lichtblick. Sänger und Gitarrist Hansol Seung spricht im Interview mit RIOT VISION über das bewusste Arbeiten mit Ambivalenz, über Kommunikationsprobleme, persönliche Texte – und darüber, warum dieses Album für ihn ein echter Höhepunkt der bisherigen Bandgeschichte ist.

Euer neues Album trägt den Titel „Is This The Low Point Or The Moment After?“ – eine Frage, die viele Menschen gerade umtreibt. Wann war euch klar, dass das nicht nur ein Titel, sondern das inhaltliche Zentrum der Platte sein würde?

Hansol:
Wir wussten von Anfang an, dass diese Frage beides sein sollte: Albumtitel und Konzept. Normalerweise war es bei uns immer umgekehrt – erst waren alle Songs geschrieben, aufgenommen und gemastered, und dann haben wir uns einen passenden Titel gesucht. Dieses Mal war der Prozess komplett anders.
Das Album beschreibt, wie eine Person durch eine sehr belastende Phase geht: Es beginnt melancholisch, wird zunehmend härter, erreicht einen Wendepunkt und wird danach wieder heller, bis es hoffnungsvoll endet. Das war anspruchsvoll, aber auch total spannend.

Der Titel lässt offen, ob man noch fällt oder schon wieder aufsteht. War euch diese Ambivalenz wichtig?

Hansol:
Ich persönlich habe eine ziemlich klare Meinung, wo der Tiefpunkt der Platte liegt. Aber im Austausch mit den anderen aus der Band und unserem Team habe ich gemerkt, dass die Wahrnehmung total auseinandergeht. Deshalb haben wir uns bewusst dagegen entschieden, das klar zu definieren.
Ich mag es sehr, dass die Interpretation bei den hörenden Personen liegt – so wie es ja in Musik generell oft der Fall ist.

Die bisherigen Singles wirken extrem direkt und schmerzhaft ehrlich. Hattet ihr das Gefühl, emotional weiter zu gehen als früher?

Hansol:
Für mich fühlt es sich nicht so an, als wären wir ehrlicher als früher – wir waren eigentlich schon immer sehr offen. Der Unterschied ist eher die Art der Aufarbeitung.
Auch wenn es ein Konzeptalbum ist, geht es nicht um erfundene Figuren oder eine ausgedachte Geschichte. Die Songs handeln von unseren echten Leben, von sehr persönlichen Erfahrungen. Das war früher auch schon so, nur eben anders verpackt.

„Sweet Spot“ beschreibt schleichende Entfremdung. Warum sind es oft gerade diese leisen Prozesse, die am meisten Schaden anrichten?

Hansol:
Das ist ein zentrales Thema auf dem Album. Dieses Ausweichen vor Gesprächen oder Entscheidungen – erst passiert scheinbar nichts, und dann hat sich doch schon unglaublich viel verändert.
Songs wie „Sweet Spot“, „Youthfully Naive“ oder „Good Times“ drehen sich genau darum.

Missverständnisse und fehlende Kommunikation ziehen sich wie ein roter Faden durch den Song. Seht ihr Kommunikation heute kritischer als früher?

Hansol:
Ganz ehrlich: Viele meiner privaten Probleme wären wahrscheinlich weniger schlimm, wenn ich besser kommunizieren würde – und das sogar unabhängig von Social Media.
Aber klar, die Welt ist lauter geworden. Jeder ist ständig erreichbar, AI erzeugt Bilder, die täuschend echt aussehen. Ich merke bei mir selbst, dass ich immer mehr Wert auf das Analoge lege, auf Dinge, die man anfassen kann. Und damit bin ich scheinbar nicht allein.

Musikalisch verbindet ihr Emo und Hardcore mit einer neuen Offenheit für Alternative Rock. War das ein bewusster Schritt?

Hansol:
Witzig, dass du das so beschreibst – für mich fühlt es sich eher an wie eine Rückkehr zu dem, was wir von Anfang an gemacht haben: relativ unexperimenteller, harter Emo-Punk.
Wir haben uns immer stark an internationalen Bands orientiert, vor allem aus den USA und UK. Vielleicht sind wir einfach besser geworden im Songwriting, haha.

iele empfinden SHORELINE derzeit als fokussierter und selbstbewusster denn je. Ist dieses Album ein Höhepunkt oder eher ein Neuanfang?

Hansol:
Danke für die Worte – das empfinde ich genauso. Wir wissen sehr genau, wo wir hinwollen und wie wir klingen möchten.
Noch nie waren wir so tief in der Szene verwurzelt, mit befreundeten Bands wie Koyo, Arm’s Length oder Spanish Love Songs. Für mich fühlt sich das ganz klar wie ein bisheriger Höhepunkt an.

Eure Texte gehen dahin, wo es weh tut. Wie verändert diese Offenheit eure Liveshows?

Hansol:
Unsere Shows haben sich seit To Figure Out extrem verändert. Die Reaktionen sind teilweise explosiv – das zu sehen, fühlt sich wahnsinnig besonders an.
Ich versuche dabei vor allem demütig zu bleiben und mir bewusst zu machen, wie glücklich wir uns schätzen können, dass unsere Musik den Leuten so viel bedeutet.

Aktuell seid ihr mit Arm’s Length, Ben Quad und Koyo auf Europa-Tour. Wie fühlt es sich an, diese Songs in diesem Kontext zu spielen?

Hansol:
Ich sitze gerade in Liverpool im Hotel – wir haben das erste Drittel der Tour hinter uns. Dieses Line-up ist ein absoluter Traum für uns. Alles Bands, die wir selbst hören und mit denen inzwischen echte Freundschaften entstanden sind.
Das Publikum ist jung, hungrig, offen – und dann spielst du Stops wie London oder Glasgow. Besser geht’s eigentlich nicht.

Zum Abschluss: Was sollen Hörer:innen empfinden, wenn sie das Album komplett durchgehört haben?

Hansol:
Das Album ist definitiv hoffnungsvoll gemeint. Wenn man es von vorne bis hinten hört, soll am Ende nicht die Schwere bleiben, sondern eine gewisse Leichtigkeit.
Das ist Teil des Grundkonzepts: Man bekommt die Kurve wieder. Die Frage ist nicht, ob das Schlimmste noch kommt – sondern dass nach dem Tiefpunkt, trotz allem, sicher ein Moment danach folgt.

Info
5. März 2026 
8:34 Uhr
Band
Shoreline
Genre
Alternative-Rock Post-Hardcore
Autor/en

 Seb

Fotocredit/s
Frederic Hafner
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