Elf Jahre Funkstille – elf Jahre, in denen sich die Szene weitergedreht hat – und Haste The Day einfach raus waren. „Dissenter“ ist jetzt ihre Antwort darauf. Und die ist alles andere als versöhnlich.
Denn das hier ist kein nostalgisches Schulterklopfen. Die Band kommt nicht zurück, um alte Kapitel aufzuwärmen – sondern um sie aufzureißen. Gleichzeitig steckt in diesem Album aber genau dieser Kreis, den sie selbst beschreiben: zurück zum Anfang, aber mit mehr Erfahrung, mehr Narben, mehr Klarheit.
Die aktuelle Besetzung – Stephen Keech, Scott Whelan, Dave Krysl, Giuseppe Capolupo, Michael Murphy und Brennan Chaulk – greift den eigenen Kern wieder auf und zieht ihn in die Gegenwart: schärfere Kanten, dichtere Arrangements, größere, fast schon cineastische Momente. Produziert wurde das Ganze von Keech selbst – und man hört, dass hier niemand mehr irgendwem etwas beweisen muss.
Was die Band dabei zusammenhält, ist fast schon ein Widerspruch zum Sound: ein gemeinsames Fundament aus Akzeptanz und einem sehr klaren Verständnis von Zusammenhalt. Kein Druck, keine Industrie-Maschinerie im Nacken – einfach der Wille, wieder zusammen Musik zu machen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum „Dissenter“ so ungefiltert wirkt.
Inhaltlich zieht sich ein klarer roter Faden durch das Album: Zyklen. Soziale, politische, persönliche. Dinge, die sich wiederholen, obwohl man denkt, man hätte sie längst hinter sich gelassen. Das Ganze verpackt in einer dystopischen Story über Macht, Rebellion und die bittere Erkenntnis, dass auch Widerstand nicht automatisch „besser“ ist.
Das hier ist kein Comeback. Das ist ein Kreislauf, der nie aufgehört hat.

Track-by-Track
„Cycles“ tritt dir direkt vors Schienbein. Kein Intro-Geplänkel, kein langsames Warmwerden – das Ding ist sofort da. Riffs wie Zahnräder, die ineinandergreifen und dich mitziehen, ob du willst oder nicht.
Inhaltlich wühlt sich „Cycles“ durch genau diese Endlosschleifen im Kopf: dieselben Fehler, dieselben Muster, immer wieder gegen dieselbe Wand. Und genau so klingt der Song auch – rastlos, getrieben, ohne echten Ausweg.
Zu tief für die Oberfläche
„Shallows“ tarnt sich kurz als zugänglicher Song – bis er dir die Luft abdreht. Der Refrain geht ins Ohr, ja. Aber darunter brodelt es gewaltig.
Die Gitarren rasieren ordentlich, die Breakdowns sitzen da, wo sie wehtun sollen. Und textlich wird’s unangenehm: Oberflächlichkeit, moralischer Verfall, dieses Gefühl, dass alles irgendwie hohl geworden ist.
„Shallows“ ist kein Hit. Es ist ein Vorwurf.
„Grave“ zieht das Tempo raus – aber nur, um dich tiefer reinzuziehen. Der Song schleppt sich nicht, er drückt. Schwer, dunkel, fast schon erdrückend. Hier geht’s um Schuld, um Endlichkeit, um das, was bleibt, wenn alles andere wegbricht. Jeder Ton wirkt wie ein zusätzlicher Spatenstich. Kein Song, den man „gern“ hört. Aber genau das ist der Punkt.
Alles muss brennen
„Burn“ macht keine halben Sachen. Der Song will nicht aufbauen – er will zerstören. Klassischer Metalcore auf den ersten Blick, aber mit einer Aggression, die deutlich macht, dass hier nichts mehr konserviert werden soll. Alte Versionen von sich selbst? Weg damit. Beziehungen? Glaubenssätze? Auch.
„Burn“ ist Katharsis durch Feuer. Und das hört man in jeder verdammten Sekunde.
„Liminal“ fühlt sich an wie ein Ort, an dem du nicht bleiben willst – aber auch nicht wegkommst.
Die Feature-Parts von Garrett Russel (Silent Planet) bringen eine fast schon verstörende Ruhe rein, bevor der Song wieder auseinanderbricht. Spoken-Word-Vibes treffen auf Chaos, Struktur auf Kontrollverlust.
Inhaltlich geht’s um Übergänge, Identität, dieses Dazwischen, das niemand wirklich greifen kann. Unangenehm. Sperrig. Wichtig.
Kurz. Dreckig. Direkt.
„Gnasher“ ist der Moment, in dem alles kippt. Kein Feinschliff, kein doppelter Boden – einfach rohe Gewalt. Der Song wirkt wie ein Ausbruch, wie ein Kontrollverlust, der sich nicht mehr zurückhalten lässt.
Und genau deshalb funktioniert er so gut.
Glaube gegen die Wand gefahren
„Heretic“ kratzt bewusst an einem der zentralen Themen der Bandgeschichte – und tritt es dann ein.
Religiöse Bildsprache wird hier nicht gefeiert, sondern zerlegt. Hinterfragt. Zerrissen. Musikalisch pendelt der Song zwischen hymnischer Größe und dissonanter Unruhe. Du willst dich daran festhalten – aber es gibt nichts, woran du dich festhalten kannst. „Heretic“ ist kein Statement. Es ist ein Bruch.
„Escape“ klingt im ersten Moment wie ein Durchatmen. Ist es aber nicht. Die Atmosphäre öffnet sich, ja – aber eher wie ein leerer Raum als wie ein sicherer Ort. Thematisch geht’s um Flucht. Aber nicht als Lösung, sondern als Reflex. Weg von allem, ohne zu wissen wohin. Und genau dieses Gefühl zieht sich durch den ganzen Song: Bewegung ohne Richtung.
Kein Halt, kein Boden
„Adrift“ ist einer der emotionalsten Tracks – aber auf eine unangenehme Art. Hier gibt’s keine große Erlösung, keine klare Auflösung. Stattdessen: treiben lassen. Orientierung verlieren. Sich selbst aus den Augen verlieren. Die Dynamik zwischen ruhigen Passagen und Ausbrüchen wirkt wie ein ständiges Auf und Ab – wie jemand, der versucht, sich über Wasser zu halten und immer wieder untergeht.
„Teeth“ beißt sich fest. Und lässt nicht mehr los. Die Riffs sind bissig, die Vocals aggressiv, alles wirkt konfrontativ. Hier geht’s nicht mehr ums Reflektieren – hier geht’s ums Draufgehen. Auf andere, auf sich selbst, auf alles, was sich in den Weg stellt. Ein Song wie ein offener Konflikt.
Der Abschluss eskaliert nicht einfach – er zieht dich langsam mit runter. „Oblivion“ baut sich auf, nimmt sich Zeit, nur um am Ende alles loszulassen. Hier steckt keine Hoffnung mehr drin. Keine Lösung. Nur Akzeptanz. Vielleicht sogar Gleichgültigkeit. Und genau das macht den Song so stark: er beendet das Album nicht mit einem Knall, sondern mit einem Gefühl, das noch lange nachhängt.
Fazit:
„Dissenter“ ist kein warmes Wiedersehen. Es ist ein Schlag in die Magengrube.
Haste The Day kommen nicht zurück, um Erinnerungen zu bedienen – sie kommen zurück, um aufzureißen, was längst vernarbt schien. Dieses Album klingt nicht nach Reunion, es klingt nach Druck. Nach Jahren, die sich angestaut haben und jetzt endlich rausbrechen.
Hier gibt es keine Komfortzone. Keine glattgebügelten Hooks, die dich freundlich an die Hand nehmen. Stattdessen: Reibung. Dissonanz. Momente, die bewusst wehtun. Und genau darin liegt die Stärke.
„Dissenter“ wirkt wie ein innerer Konflikt, der nie wirklich gelöst wird – sondern sich durch elf Tracks frisst. Zwischen Glauben und Zweifel, Kontrolle und Kontrollverlust, Nähe und kompletter Entfremdung.
Musikalisch ist das kein Rückschritt in alte Zeiten, sondern ein Schritt nach vorne mit Dreck unter den Fingernägeln. Der Metalcore hier ist wütender, dichter, stellenweise fast klaustrophobisch. Und trotzdem blitzen immer wieder diese Melodien durch, die dir kurz Luft geben – bevor dich der nächste Breakdown wieder runterzieht.
„Dissenter“ will nicht gemocht werden. Es will Widerstand.
Wir bekommen von Haste The Day ein Album, das fordert, reibt und sich bewusst querstellt – und genau deshalb mit starken 9,5 von 10 Punkten einschlägt.





