Wut, Reife und fragile Schönheit im Comeback eines Genres
Fast zwei Jahrzehnte nach The Tropic Rot melden sich Poison the Well mit einem Album zurück, das mehr ist als nur ein nostalgischer Fingerzeig. Peace In Place ist ein Werk, das die DNA einer ganzen Szene in sich trägt – und gleichzeitig beweist, dass diese Band nie stehen geblieben ist.
Es handelt sich dabei um ein Album, das „verschiedene Phasen der Band vereint“ und die rohe Härte der frühen Tage mit der melodischen Tiefe späterer Werke verschmilzt. Gleichzeitig ist die Platte ein emotionales Ventil: Frustration, Verlust und Wut verdichten sich zu einem intensiven, aber reflektierten Gesamtbild.
Was dabei entsteht, ist kein reines Comeback – sondern ein Statement.
Der kontrollierte Ausbruch
Der Opener „Wax Mask“ macht keine Gefangenen: dissonante Riffs, eruptive Breakdowns und diese sofort wiedererkennbare Mischung aus Chaos und Melodie. Es ist ein Einstieg, der klarstellt, dass Peace In Place kein vorsichtiges Zurückkommen ist, sondern ein wütender Schritt nach vorne.
„Primal Bloom“ erweitert dieses Fundament. Hier zeigt sich bereits die zweite große Stärke des Albums: Dynamik. Zwischen fragilen Clean-Passagen und eruptiven Ausbrüchen entsteht ein Spannungsbogen, der an die emotionale Tiefe von You Come Before You erinnert – nur erwachsener, kontrollierter.
Beziehungen, Brüche und bleibende Narben
Mit „Thoroughbreds“ liefern PTW einen der zentralen Tracks der Platte. Inhaltlich geht es um zerbrechende Bindungen, die nicht plötzlich, sondern schleichend auseinanderfallen . Musikalisch treffen massive Hardcore-Gewitter auf hymnische Melodien – genau die Balance, die die Band einst groß gemacht hat.
„Everything Hurts“ ist dann der emotionale Tiefpunkt – im besten Sinne. Langsamer, schwerer, fast schon erdrückend. Der Song zieht die Energie aus den vorherigen Tracks heraus und ersetzt sie durch ein Gefühl von innerer Leere. Hier zeigt sich die Reife der Band besonders deutlich.
Zwischen Schönheit und Bedrohung
„Weeping Tones“ ist ein Paradebeispiel für die Fähigkeit der Band, Brutalität mit Zerbrechlichkeit zu verweben. Atmosphärische Gitarrenflächen treffen auf plötzlich einsetzende Härte – ein Stilmittel, das sich durch das gesamte Album zieht.
„A Wake Of Vultures“ kippt die Stimmung dann wieder in Richtung Aggression. Der Song wirkt fast klaustrophobisch, mit drängenden Rhythmen und einem unterschwelligen Gefühl von Bedrohung. Hier zeigt sich die „pissed“-Attitüde, von der Sänger Jeffrey Moreira selbst spricht.
Die Suche nach Halt
„Bad Bodies“ bringt Groove ins Spiel – ohne die Schwere zu verlieren. Der Song wirkt direkter, fast körperlich spürbar, und dürfte live zu den intensivsten Momenten gehören.
„Drifting Without End“ ist dagegen ein Schwebezustand. Melancholisch, fast post-rockig in seiner Struktur, verliert sich der Track bewusst im Raum. Genau hier wird klar, wie stark die Band heute mit Atmosphäre arbeitet – ein deutlicher Unterschied zu ihren frühen, kompromissloseren Werken.
Katharsis und Konsequenz
„Melted“ fühlt sich wie ein emotionaler Zusammenbruch an – roh, verletzlich und gleichzeitig kathartisch. Die Band legt hier alle Schutzmechanismen ab.
Der Closer „Plague Them The Most“ bündelt schließlich alles, was Peace In Place ausmacht: Wut, Melodie, Chaos und Kontrolle. Kein klassischer „Finale“-Track, sondern eher ein offenes Ende – passend zu einem Album, das keine einfachen Antworten geben will.
Fazit
Ein Comeback ohne Nostalgiebonus
Peace In Place ist kein Versuch, alte Zeiten zu kopieren. Es ist ein Album, das aus der Distanz entstanden ist – aus Lebenserfahrung, Brüchen und einem neuen Blick auf das eigene Schaffen.
Wir haben hier ein Werk in der Hand, das Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertrifft – und das ist keine Übertreibung. Die Band schafft es, ihre Wurzeln zu ehren, ohne sich von ihnen einschränken zu lassen.
Was bleibt, ist ein Album, das gleichermaßen wütend und reflektiert ist. Schwer, aber zugänglich. Und vor allem: relevant.
RIOT VISION Wertung: 8,5 / 10
Ein intensives, vielschichtiges Comeback – nicht perfekt, aber genau deshalb so ehrlich.





