NewsReview

NewsReview

NewsReview

The Amity Affliction – House of Cards

Man merkt House of Cards von The Amity Affliction schon nach wenigen Minuten an, dass hier etwas anders ist. Nicht zwingend musikalisch – die Band bleibt ihrer Mischung aus Härte und Melodie treu – sondern in der Art, wie sich dieses Album anfühlt.

Es ist direkter. Unangenehmer. Ehrlicher.

Joel Birch legt hier so viel offen wie selten zuvor, und das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Es geht nicht mehr nur um abstrakte Dunkelheit oder generelle Melancholie – es geht um konkrete Erfahrungen, familiäre Brüche und Dinge, die sich nicht mehr schön formulieren lassen.

House of Cards ist kein Album, das dich auffängt. Es ist eines, das dich mit runterzieht – und genau darin liegt seine Wirkung.

Track by Track

Ein Titel, der nach Aufbruch klingt – aber genau das fühlt sich hier nicht echt an. „Neues Leben“ steht im Raum, während musikalisch eher das Gegenteil passiert: ein langsames Hineingleiten in alte Muster.

Der Opener „Vida Nueva“ wirkt wie ein falsches Versprechen. Und genau das macht ihn so stark.

Mit „Kickboxer“ folgt zum ersten Mal diese rohe, fast schon ungefilterte Wut durch. Kein großes Konzept, kein versteckter Subtext – eher ein direkter Schlag.

Der Song funktioniert über Energie. Und über das Gefühl, dass sich da etwas angestaut hat, das jetzt einfach raus muss.

Der zentrale Moment des Albums: der Titeltrack „House of Cards“.

Hier wird klar, worum es eigentlich geht: ein fragiles Konstrukt aus Erinnerungen, Beziehungen und Selbstbild, das jederzeit in sich zusammenfallen kann. Birch bleibt dabei erschreckend konkret – und genau das trifft.

Das ist keiner dieser „großen“ Amity-Songs, die über Pathos funktionieren. Der hier wirkt eher wie eine Wunde, die offen bleibt.

Der Titel „Heaven Sent“ klingt nach Hoffnung, aber der Song selbst fühlt sich eher wie ein Hinterfragen an. War das jemals etwas Gutes – oder hat man sich das nur eingeredet?

Musikalisch einer der zugänglicheren Tracks, aber inhaltlich alles andere als leicht.

Reduzierter, direkter, fast schon nüchtern. „Bleed“ macht nicht viel – aber genau das ist der Punkt.

Der Song lässt Raum. Und in diesem Raum wirkt das, was gesagt wird, umso schwerer.

Mit „Break These Chains“ folgt einer der wenigen Momente, die sich tatsächlich nach Bewegung anfühlen. Nicht unbedingt nach Erlösung – aber zumindest nach dem Versuch, sich zu lösen. Der Chorus hat etwas Befreiendes, ohne kitschig zu werden. Das kriegt die Band nicht immer hin – hier schon.

Atmosphärisch dicht, fast schon bedrückend. Der Titel passt perfekt: Das hat etwas Endgültiges – „Beso De La Muerte“. Einer dieser Songs, die weniger über Struktur funktionieren, sondern über Stimmung. Und die bleibt hängen.

Auf „Swan Dive“ folgt ein kontrollierter Absturz. Kein Chaos, kein Ausbruch – eher eine bewusste Entscheidung. Gerade dadurch wirkt der Song so unangenehm ruhig. Als hätte man sich mit dem Fall längst abgefunden.

„Speaking In Tongues“ – hier geht es um Distanz. Um das Gefühl, dass Kommunikation nicht mehr funktioniert – egal wie sehr man es versucht. Musikalisch etwas unruhiger, fast fragmentiert. Das passt erstaunlich gut zum Thema.

Auf „Afterlife“ greift die Band ein klassisches Thema auf, aber anders umgesetzt als sonst. Weniger „groß“, weniger hymnisch – eher nach innen gerichtet. Der Song wirkt wie eine stille Reflexion statt wie ein Statement.

Dank „Reap What You Sow“ kommt eine gewisse Klarheit rein. Nicht unbedingt Hoffnung, aber zumindest ein Verständnis für das, was passiert ist. Der Song bündelt vieles, was das Album vorher nur angedeutet hat.

Das Finale „Eternal War“ ist kein versöhnlicher Abschluss. Kein „Alles wird gut“. Eher die Erkenntnis, dass manche Dinge einfach bleiben. Dass dieser Kampf nicht aufhört – sondern nur anders wird.

Und genau so endet das Album auch: ohne Auflösung.

Fazit:

House of Cards ist kein Album, das gefallen will. Und vielleicht ist es genau deshalb eines der ehrlichsten von The Amity Affliction.

Es verzichtet größtenteils auf die großen, mitsingbaren Momente zugunsten von etwas, das schwerer greifbar ist: echte, unbequeme Emotionen. Nicht immer perfekt, nicht immer rund – aber genau dadurch glaubwürdig.

Das hier ist keine Katharsis im klassischen Sinne. Eher ein Protokoll davon, wie sich Dinge anfühlen, wenn sie eben nicht verarbeitet sind.

Und das bleibt hängen.

Die neue LP „House of Cards“ reiht sich in eine atemberaubende Diskografie ein und kann bei uns auf eine Wertung von 8,5 / 10 Punkten zurück blicken.

Info
23. April 2026 
23:25 Uhr
Band
The Amity Affliction
Genre
Metalcore
Autor/en

 Seb

Fotocredit/s
Tom Brown
Weitere Beiträge